Portal der Gertrud-von-le-Fort-Gesellschaft e. V.

 

Gertrud von le Fort über ihre Dichtung

Meine Bücher sind alle ohne festen Plan entstanden. Sie sprangen mir in einzelnen Szenen, Gestalten und Versen gleichsam aus dem Dunkel auf. Wenn ich anfing, wußte ich eigentlich niemals, wo es hinzielte und wo ich enden würde. So ist es kaum möglich zu sagen, ich hätte dies oder jenes gewollt, sondern ich kann nur nachträglich sagen, mir ist als ob ich dies oder jenes gewollt habe.

Nach einer Textwiedergabe im Marbacher Magazin 3 (1976).

1935-1

Die Literatur von Gertrud von le Fort hat es in der Gegenwart nicht eben leicht. Die Reaktionen auf ihr Werk reichen von herablassendem Belächeln über aggressive Gegenpositionen und unreflektierte Akzeptanz bis zum redlichen Interpretationsbemühen. Die zwar begrenzte aber doch latente Präsenz auf der Literaturbühne wird gelegentlich als konfessioneller Wettbewerbsvorteil denunziert und die Dichterin selbst mit den Attributen katholisch, metaphysisch und transzendent bedacht und somit eine Hürde errichtet oder ein exklusives Wir-Gefühl angeboten.

Diese Einschätzung jedoch hat die Grenze ihres Geltungsbezirkes erreicht und will überschritten werden, um neue Aspekte zu erschließen und den Anschluss an die Gesellschaft der Gegenwart und ihre Bedürfnisse zu ermöglichen. Spätestens an dieser Stelle aber erhebt sich die Frage, ob das Werk der Gertrud von le Fort wirklich und wesentlich zu den Bedürfnissen der Gegenwart gehört oder ob hier Rückwärtsgewandte oder Vergangenheitssüchtige ihre Maßstäbe mit Nachdruck tradieren wollen und sich als Lehrmeister für die nächste Generation aufdrängen. Diese Frage wird sich daran entscheiden, welche Beziehung der moderne Leser zu den le Fort-Texten findet, ob Voraussetzungen geschaffen werden können, diese Texte überhaupt zugänglich zu machen und  ob eine unaufdringliche, behutsame literaturpädagogische Begleitung entwickelt werden kann.

Unabdingbar ist der souveräne Umgang mit den neuen Medien sowohl in der internen Kommunikation als auch in den veränderten Formen der Publikation. Diese Formen umfassen sowohl Internetportale und Blogs, soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook, Plattformen wie YouTube als auch e-Books und Hörbücher, denn das sind die Bereiche, in denen heute nach Informationen gesucht wird. Die moderne Literaturrezeption und somit auch das Weiterleben des Werkes der Gertrud von le Fort steht und fällt mit der Integration dieser neuen Medien, denen in der literaturpädagogischen Arbeit hohe Priorität zukommt.

Dichtung wirbt nicht um Anerkennung der Moral, sie wirbt um ein erschüttertes Herz, sie wirbt um das Zerbrechen unserer richterlichen Selbstgerechtigkeit. Wenn die Fragestellung der Moral auf „Entweder – Oder“ lautet,  also auf „Schuldig oder Unschuldig“, so lautet die berühmte Formel des Dichterischen
„Schuldig – Unschuldig“.

Vorwort von Gertrud von le Fort zu Graham Greenes „Paradox des Christentums“